Es ist der emotionale und konzeptionelle Höhepunkt eines außergewöhnlichen Jubiläumsjahres: Die Künstlerin Marion Albrecht schließt ihr 30-jähriges Ausstellungsjubiläum – mit einer Bilanz von mehr als 200 Ausstellungen in 27 Ländern – mit ihrer aktuellen Einzelausstellung in der DRU-Galerie in Ulft ab.
Der Ausstellungsort könnte kaum passender sein. Wo früher harte, körperliche Arbeit den Takt angab, treffen nun Albrechts intensiv erarbeitete Werkzyklen auf die rohe, historische Industriearchitektur.
Eine Brücke über die Abgründe der Menschheit.
Unter dem Titel "METAMORPHOSE DES ABGRUNDS – Zwischen individueller Ohnmacht und radikaler Hoffnung" führt die Künstlerin zwei zentrale, langjährige Werkzyklen zusammen: "Stories" und "You’re not forgotten". Die Doppelschau schlägt eine visuelle Brücke zwischen dem unvorhersehbaren Schicksal des Einzelnen und den kollektiven Schrecken unserer Geschichte.
Während der Zyklus "Stories" (wie das Werk "Jener Nachmittag im Mai") die plötzlichen Zäsuren des Alltags durch Krankheit,
Unfall oder Schmerz thematisiert, richtet "You’re not forgotten"
(u.a. das Werk "Yearning for Peace V") den Blick ungeschönt auf systematische Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
auf Krieg, Folter und den Holocaust. Albrechts Kunst verweigert sich jedoch der reinen Resignation;
sie nutzt die Leuchtkraft der Farben als energetischen Widerstand und vitales Aufbäumen gegen die Ohnmacht.
Einen hochaktuellen und zentralen Bezugspunkt der Ausstellung bildet das Jahr 2026, das weltweit als das 800. Jubiläumsjahr
von Franz von Assisi begangen wird (zum Gedenken an seinen Tod und den Sonnengesang 1226). Marion Albrecht bindet dieses Thema
über ihr Scharnierwerk Franz von Assisi und "Bruder Tod‘" (öl auf Leinwand, 2026) tief in die Schau ein.
Dabei verzichtet die Künstlerin bewusst auf jegliche sakrale Verklärung oder Kitsch. Stattdessen stellt sie den Heiligen in einen direkten, ungeschönten Bezug zu unserer heutigen, oft als "verrückt" empfundenen Welt. Das Bild zeigt in düsterer, aschfahler ästhetik, dass Franziskus' radikale Zuwendung zum Leben und zur Schöpfung das Resultat schwerer, eigener Kriegstraumata und absoluter Isolation (symbolisiert durch fratzenhafte Masken des Aussatzes) war.
"Erst im tiefsten Blick in den Abgrund, im Akzeptieren der eigenen Ohnmacht, vollzieht sich der radikale Wandel", erklärt die Künstlerin. Franz von Assisi gibt der Hoffnung eine Chance – als bewusste, existenzielle Entscheidung. Es ist die Kernbotschaft von Albrechts gesamter Ausstellung: Selbst die schwärzesten Erfahrungen müssen nicht in finaler Zerstörung enden, sondern können der Nährboden für eine tiefere Menschlichkeit sein.
Die Ausstellung verwandelt den Raum der Agonie in einen Ort des Widerstands und gibt den Opfern des Schicksals wie der Geschichte ihre Würde zurück.